Einblicke in die Vergangenheit

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Sind unsere Erinnerungen überhaupt echt?

Wenn ich mich an meine Kindheit zurückerinnere, sehe ich ein fröhliches Mädchen, was gerne laut redet, Geschichten schreibt und gestalterisch kreativ ist. Genaugenommen sehe ich das auch jetzt noch. Ich verfasse regelmäßig Texte, habe absolute Freude daran, Urlaubsvideos zu erstellen und Fotobücher zu gestalten. Und ja, manchmal rede ich auch laut. Das kommt nicht immer gut an. Zu Abiturzeiten bedachte mich ein Siebtklässler im Bus mal mit den Worten: „Da ist ja wieder die Blondine mit dem Geltungsbedürfnis.“ Ich fand es frech, aber so richtig gestört hat mich das damals eigentlich nicht. Ich war laut. Manchmal. Es gibt schließlich auch Situationen, in denen eine laute Stimme von Vorteil ist. Bei Vorträgen zum Beispiel; wenn das Mikrofon ausfällt. Es hat eben alles zwei Seiten.

Aber kann das sein? Bin ich genau die, die ich vor über 20 Jahren schon war oder täuscht mich mein Gedächtnis? Das Gedächtnis ist etwas Verrücktes. Ich meine, Urlaube, die man als mittelmäßig einschätzte, werden im Ergebnis dann doch absolut farbenfroh abgespeichert. Schlimme Dinge spielen sich in meiner Erinnerung meistens im Dunkeln ab. Wenn Einiges scheinbar verwässert, ist das Bild meines vergangenen Ichs dann real? Käme es mir überhaupt bekannt vor, wenn ich es treffen würde.

Wie gut, dass ich Fragmente meines früheren Ichs sorgfältig in diversen Kisten aufbewahre. Darin lagert auch mein verschlossenes, mit zwei Kätzchen bedrucktes Tagebuch, welches ich vom 22.02.1995 bis zum 12.09.1997 geschrieben habe. Zu meiner Überraschung enthält es nur ganze 14 Einträge, die mein 10- bis 13-jähriges Ich verfasst hat. Tagebuchschreiben war also nicht so meins. Gut, zum einen musste ich davon ausgehen, dass meine jüngere Schwester es findet und liest und zum anderen bin ich heute noch der Meinung, dass es mir nicht guttut, negative Emotionen in der Form festzuhalten. Ob ich das mit zehn Jahren auch schon so gesehen habe?

Wenn ich mir die Einträge angucke, muss ich allerdings davon ausgehen, dass die Nachlässigkeit im Tagebuchschreiben einen ganz anderen Grund hatte: Meine Leben gab einfach nicht viel her, was des Aufschreibens tatsächlich wert gewesen wäre.

Mir war wohl langweilig

Aus irgendeinem mir nicht erklärlichen Grund habe ich die ersten beiden Einträge rückdatiert, wie die diesbezügliche Anmerkung, die ich offenbar zwei Wochen später gemacht habe, zeigt. Der erste rückdatierte Eintrag besteht aus ganzen vier (extrem bedeutungslosen) Sätzen.

„Heute hatte meine Mutter Geburtstag. Sie ist jetzt schon 33 Jahre alt. Ich habe ihr eine Tasse mit ihrem Namen geschenkt. Die Tasse hat 7,99 DM gekostet. Seid heute spiele ich gerne auf dem Balkon.“ (Rechtschreibfehler habe ich übernommen.)

Das ist also das, was ich mit zehn Jahren wichtig fand? Es scheint, als hätte ich einfach nichts zu sagen gehabt; als hätte ich mir diese Sätze nach und nach abgerungen. Ich bin überrascht. So habe ich damals geschrieben? In meiner Erinnerung habe ich mich mit zehn Jahren schon viel gewählter ausgedrückt. Zu allem Überfluss enthält der letzte Satz auch noch einen Rechtschreibfehler. Rechtschreibung ist doch eigentlich auch schon immer meins gewesen. Oder nicht? Irgendwie ist dieser Eintrag ziemlich enttäuschend. Offenbar hatte ich nichts Wichtigeres zu berichten. Die folgenden Einträge sind nicht spannender. Sie halten alle nur ganz allgemein Tatsachen fest: Ich war schwimmen, auf dem Fernsehturm, im Kaufhaus und mit Freunden sowie meiner Schwester „Roller-Blads“ fahren. Auch war mir am 6.03.1995 „langweilig“, weshalb ich ein Pferd ohne Ohren in mein Tagebuch zeichnete. Der scheinbar wenig spektakuläre Tag hat dann jedoch noch eine für mich damals dramatische Wendung genommen. Unter dem selben Datum findet sich in anderer Farbe folgender Eintrag:

„Was ich von meinen Eltern (zum Geburtstag) kriege weiß ich nicht. Aber ich habe heimlich auf den Schrank geguckt da war ein Drehstuhl. Ich hoffe bloß das der nicht für mich ist.“ (schon wieder zig Rechtschreib- und Grammatikfehler).

Der Stuhl war für mich und wurde in einem späteren Eintrag als „ganz O.K.“ befunden. An die Geschichte kann ich mich noch immer ziemlich gut erinnern. Vielleicht auch deshalb, weil der neue Stuhl bedeutete, dass ich den alten hergeben musste. Ich war als Kind überhaupt nicht gut darin, mich von Sachen zu trennen. Das spiegeln auch zwei der 14 Tagebucheinträge wider: Ich habe tatsächlich festgehalten, wie viele „Nickis“, „Strumpfhosen“, „Socken“ und „Pullower“ meine Mutter neben dem „ausgeleierten Badeanzug“ und der „hellbaue(n) Hose mit grünen Nähten“ ebenfalls aussortiert hat. Es dürfte überflüssig sein zu erwähnen, dass ich an keines der so allgemein bezeichneten Kleidungsstücke auch nur irgendeine Erinnerung habe. Aber gut, klar, meine Mutter hat sie ja auch weggeschmissen.

Ich wollte nicht vergessen, was mir damals wichtig war.

Mal ernsthaft, offenbar war es mir wichtig, dies festhalten. Für mich? Für wen schreibt man eigentlich Tagebuch? Für sein späteres Ich? Was bringt es, wenn die eigentliche Erinnerung weg ist. Ich lese Worte, habe aber nicht wirklich einen Bezug dazu. Bilder, die in der Vorstellung beim Lesen entstehen, sind eben etwas Anderes als eigene Erinnerungen und abgespeicherte Emotionen.

Jungs

Die Einträge aus dem Jahr 1997 beruhigen mich irgendwie. Zum einen ist meine Rechtschreibung und Grammatik weitestgehend nicht zu beanstanden und zum anderen sind die Einträge deutlich komplexer. Allerdings handeln sie alle (drei) ausnahmslos von Jungs. Nicht nur von meinen Schwärmereien für Jungs, sondern auch von meiner Not mit ihnen. Offenbar ist „Oliver B. angeberisch und hackt auf allen rum. Er meint, ich bin ein Mitläufer.“ Also bis eben mochte ich Oliver. Er hat in späteren Schuljahren sogar mal neben mir gesessen. Mitläufer? War ich ein Mitläufer? Ich denke nicht. Ich glaube – anders als damals – aber auch, dass 12-oder 13-jährige Jungs viele Dinge sagen, die sie einfach irgendwo aufgeschnappt haben. Das mag bei Mädchen nicht anders sein, allerdings waren es in meinem Fall eher Jungs, die mir etwas an den Kopf geknallt haben, was sich unlöschbar in mein Gedächtnis eingebrannt hat. So hat ein hinter mir sitzender Mitschüler, der offenbar nicht gestört werden wollte, in der fünften oder sechsten Klasse mal zu mir gesagt: „Dreh dich um, du busenlose Nutte.“ Das hat mich damals sehr getroffen. Nicht die „Nutte“, sondern das „busenlose“. Denn das war die – für mich damals unschöne – Wahrheit. Zu dieser Bemerkung findet sich jedoch kein Eintrag in meinem unregelmäßig geführten Tagebuch. Man meißelt unangenehme Dinge eben nicht gern in Stein. – Und offenbar ist das auch nicht nötig. Zumal mein mit 13 Jahren noch immer flacher Oberkörper häufiger Auslöser uncharmanter Äußerungen des anderen Geschlechts war. So bedachte mich ein schätzungsweise 15-jähriger Junge auf dem Spielplatz einmal mit den Worten: „Kein Härchen, kein Tittchen, siehst aus wie Schneewittchen.“ Heute ist das nicht mehr oder weniger als eine nette Geschichte, damals führte das aber offenbar dazu, dass ich mir mit 13 Socken in das mir von meiner Mutter gekaufte „Bustier“ stecken musste. Auch ein Teil meiner Vergangenheit, über den man nichts in meinem Tagebuch liest. Wenn ich diesbezüglich etwas geschrieben hätte, dann wäre es vermutlich kein Eintrag gewesen, der das absolut nicht akzeptable Verhalten des Jungen beanstandete. Nein, ich hätte dem Tagebuch vermutlich nur mein Leid über den flachen Istzustand geklagt.

Sie ist ich

Wenn ich so darüber nachdenke, dann ist mein früheres Ich an vielen Stellen anders, als ich es jetzt bin. Es ist mir aber auch nicht völlig fremd. Zumindest fühlt es sich so an, als gehört das Mädchen, das die Tagebucheinträge verfasst hat, zu mir. Wie anders sie tatsächlich ist, hat mein Gedächtnis aber vermutlich einfach gelöscht. Wahrscheinlich hätten auch umfangreichere Tagebucheinträge nichts genutzt. Ein komplexes Ich passt eben nicht auf ein paar Seiten…nicht einmal in eine Kiste.

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